Der Platzhirsch
Wer in der Schweiz Baukosten rechnet, nutzt Messerli. Oder BuildUp. Oder eine Excel-Tabelle. In den meisten Büros ist es Messerli — die Software ist seit Jahrzehnten der Standard für Kostenschätzungen nach BKP, Ausschreibungen und Abrechnungen.
Das Problem: Die Welt hat sich weitergedreht. Messerli nicht.
Was Messerli gut kann
Das soll hier kein Verriss werden. Messerli hat Stärken:
- BKP-Struktur — tief integriert, NPK-Kataloge, SIA-konform
- Bewährt — 30 Jahre Erfahrung, tausende Büros kennen es
- Schweizer Standard — Behörden und Bauherren akzeptieren Messerli-Ausdrucke ohne Rückfragen
- Detailliert — Bis auf Positionsebene durchgeplant
Was fehlt
Keine KI-Funktionen
Messerli hat keine automatische Kostenprognose, keine intelligente Positionssuche, kein maschinelles Lernen auf Basis vergangener Projekte. Jede Kostenschätzung beginnt bei null — obwohl das Büro vielleicht schon 50 ähnliche Projekte gemacht hat.
Keine Plan-Integration
Man kann keinen IFC- oder PDF-Plan reinladen und automatisch Mengen ableiten. Alles wird manuell eingegeben. Das ist nicht nur langsam — es ist fehleranfällig.
Geschlossenes System
Messerli exportiert Daten nur widerwillig. Eine API? Fehlanzeige. Wer Messerli-Daten in andere Systeme bringen will — sei es ein Dashboard, ein BI-Tool oder eine KI — muss den Umweg über Excel oder CSV nehmen.
Veraltete Oberfläche
Das muss man so sagen: Messerli sieht aus wie 2005. Für jüngere Mitarbeiter, die mit modernen Tools aufgewachsen sind, ist die Einarbeitungszeit frustrierend lang.
Die Alternativen
BuildUp
Schweizer Alternative, cloudbasiert, modernere Oberfläche. Kann mehr in Richtung Zusammenarbeit, aber auch hier: keine echte KI-Integration. Stärke liegt bei der Ausschreibung und Vergabe.
Orca AVA (Deutschland)
Für Büros, die auch in Deutschland arbeiten: Orca ist der deutsche Standard. Moderner als Messerli, mit besseren Schnittstellen. Unterstützt GAEB, VOB und zunehmend auch BIM-Mengenübernahme.
CostOS
Internationales Tool mit echter KI-Kostenschätzung. Trainiert auf historischen Daten, kann aus BIM-Modellen automatisch Kosten ableiten. Nachteil: Keine BKP-Struktur, keine SIA-Integration. Eher für grosse internationale Projekte.
DeepCost / PriceHubble (Baubereich)
Noch jung, aber spannend: KI-basierte Kostenschätzung auf Basis von Projektparametern. Man gibt Gebäudetyp, Fläche, Standort und Standard ein — und bekommt eine Kostenschätzung. Genauigkeit: ±10-15%. Für frühe Planungsphasen oft ausreichend.
Was müsste Messerli tun?
- API öffnen — Daten müssen rein und raus fliessen können
- BIM-Mengenübernahme — IFC-Import mit automatischer Zuordnung zu BKP-Positionen
- Lernende Kostenschätzung — Das System sollte aus vergangenen Projekten lernen
- Moderne Oberfläche — Nicht nur Kosmetik, sondern echte UX-Verbesserung
- Cloud-Option — Für Teams, die nicht am selben Standort arbeiten
Fazit
Messerli wird nicht über Nacht verschwinden. Dafür ist es zu tief in den Schweizer Büros verankert. Aber der Druck wächst. Wer heute ein neues Büro aufbaut, würde Messerli nicht mehr wählen — und das sollte dem Hersteller zu denken geben.
Die Frage ist nicht ob Messerli sich modernisieren muss, sondern ob sie es schnell genug tun. Die Geschichte der Softwarebranche ist voll von Marktführern, die zu spät reagiert haben.