Wir wollten es wissen
Jede zweite PropTech-Firma verspricht: "Unsere KI liest eure Pläne." Planlesen, automatische Massenermittlung, Raumanalyse, Kollisionsprüfung — alles mit einem Klick. Wir haben es ausprobiert. Mit echten Projekten, echten Plänen, echten ArchiCAD-Modellen. Nicht mit aufgeräumten Demo-Daten.
Das Ergebnis war ernüchternd.
Der Test mit IFC und BIM
Die Theorie klingt bestechend: Ein BIM-Modell enthält alle Informationen — Wände, Decken, Fenster, Materialien, Masse. Die KI muss nur auslesen und auswerten. In der Praxis sieht das anders aus.
Was wir vorgefunden haben
Wir haben IFC-Exporte aus laufenden ArchiCAD-Projekten genommen. Keine Lehrbeispiele, sondern echte Arbeitsdateien aus dem Büroalltag. Und da fängt es an:
- Geschosse waren falsch zugeordnet — Wände im 2. OG standen im Modell im EG
- Attribute fehlten — Materialien nicht gepflegt, Schichten nicht definiert, Klassifizierungen leer
- Doppelte Elemente — Wände, die zweimal modelliert waren, weil jemand kopiert statt verschoben hat
- Räume nicht geschlossen — Die automatische Raumstempel-Funktion hat versagt, weil Wände nicht sauber angeschlossen waren
- IFC-Export verlustbehaftet — Was in ArchiCAD gut aussah, kam im IFC verstümmelt an
Das ist kein Sonderfall. Das ist der Normalfall. Kein Architekturbüro pflegt sein BIM-Modell so sorgfältig, wie die Software es eigentlich verlangt. Dafür fehlt die Zeit, und ehrlich gesagt auch das Verständnis, warum das wichtig wäre.
Was die KI damit gemacht hat
Kurz gesagt: nicht viel. Die KI konnte das Modell einlesen, aber die Ergebnisse waren unbrauchbar:
- Mengenermittlung lag um 30-40% daneben, weil doppelte Wände mitgezählt wurden
- Raumflächen stimmten nicht, weil die Räume im Modell nicht sauber definiert waren
- Materialzuordnungen fehlten komplett bei der Hälfte der Bauteile
Wir haben Stunden damit verbracht, die Daten nachzubereiten. Am Ende war es schneller, die Masse von Hand abzunehmen.
Der Test mit PDF-Plänen
Also der andere Weg: Fertige Pläne als PDF der KI geben und fragen "Was siehst du?"
Was einigermassen funktioniert
Wenn man einen sauberen Grundriss — weisse Zeichnung, klare Linien, massstäblich — in GPT-4 oder Claude lädt und fragt "Wie viele Zimmer hat diese Wohnung?", kommt meistens die richtige Antwort. Räume erkennen, grobe Flächen schätzen, Fenster und Türen zählen — das geht.
Was nicht funktioniert
- Exakte Masse — Die KI schätzt, sie misst nicht. ±15-20% Abweichung sind normal. Für eine Kostenschätzung in der Vorprojektphase vielleicht noch ok. Für eine Ausschreibung: unbrauchbar.
- Schnitte und Details — Zweidimensionale Darstellungen von dreidimensionalen Sachverhalten. Die KI versteht nicht, was ein Schnitt zeigt. Sie sieht Linien, aber nicht die Konstruktion dahinter.
- Massstab — Auch wenn ein Massstab angegeben ist, kann die KI ihn nicht zuverlässig anwenden. Sie hat kein Konzept von "1:100 bedeutet 1 cm auf dem Plan = 1 Meter in der Realität".
- Schweizer Normen — SIA-konforme Plandarstellung, BKP-Nummern in Legenden, Schichtaufbauten nach SIA 243 — die KI kennt das nicht. Sie ist auf amerikanische und britische Standards trainiert.
Der Traum: KI zeichnet im ArchiCAD
Was wir wirklich wollen: Eine KI, die sich an ArchiCAD andockt. Der man sagen kann: "Zeichne mir eine Aussenwand, Minergie-Standard, Holzständer mit 24 cm Isolation, mit Fensteröffnung 1.20 × 1.50." Und sie macht es.
Warum das so schwer ist
ArchiCAD hat keine offene KI-Schnittstelle. Es gibt eine Python-API und GDL-Scripting, aber die sind für Automatisierung gedacht, nicht für KI-Anbindung. Um eine KI ans ArchiCAD zu hängen, bräuchte man:
- Echtzeit-Zugriff auf das Modell — lesen und schreiben
- Verständnis der Bauteil-Logik — eine Wand ist nicht ein Rechteck, sondern ein Schichtaufbau mit Anschlüssen
- Normwissen — SIA, Minergie, Brandschutz, Schallschutz
- Kontextwissen — Was steht daneben? Was liegt darüber? Wo sind die Leitungen?
Stand heute kann das keine KI. Nicht einmal ansatzweise.
Was Graphisoft macht
Graphisoft (der Hersteller von ArchiCAD) hat 2025 erste KI-Features angekündigt — automatische Raumvorschläge, intelligente Bauteilplatzierung. Aber wenn man genau hinschaut, ist das eher bessere Automatisierung als echte KI. Regelbasiert, nicht lernend.
Autodesk mit Revit ist etwas weiter: Forma (ehemals Spacemaker) kann Gebäudevolumen optimieren und Tageslichtsimulationen automatisieren. Aber auch das ist weit entfernt von "KI zeichnet einen Plan".
Wann wird es soweit sein?
Unsere ehrliche Einschätzung — und die Entwicklung geht schneller als die meisten denken:
- Heute (2026): KI kann Pläne grob lesen und einfache Fragen beantworten. Nützlich für schnelle Vorabprüfungen, nicht für produktive Arbeit.
- 2027: KI-Assistenten in CAD-Programmen für Routineaufgaben — Detailzeichnungen, Schraffuren, Bauteilvorschläge. Voraussetzung: Die Hersteller öffnen ihre Schnittstellen.
- 2028-2029: KI zeichnet einfache Werkpläne unter Anleitung. Der Architekt gibt Anweisungen, die KI setzt um. Wie ein sehr schneller Praktikant.
- 2030+: KI als echter Planungspartner, der Normen kennt, Varianten vorschlägt und selbständig zeichnet.
Der Flaschenhals ist nicht die KI — die ist bereit. Es sind die Software-Hersteller. Graphisoft müsste ArchiCAD öffnen, Autodesk müsste Revit eine echte KI-API geben. Solange die mauern, bleibt es bei Workarounds. Aber der Druck steigt — und wer als Erster eine brauchbare KI-Integration liefert, gewinnt den Markt.
Was wir daraus gelernt haben
- Demo ≠ Realität — Jedes Tool funktioniert mit perfekten Daten. Testet es mit euren echten, unaufgeräumten Plänen.
- BIM muss gepflegt werden — KI macht schlechte Daten nicht besser. Sie macht sie schneller schlecht.
- Die Lücke ist grösser als gedacht — Zwischen "KI erkennt einen Raum auf einem Grundriss" und "KI zeichnet einen Werkplan" liegen Welten.
- Trotzdem dranbleiben — Die Entwicklung ist schnell. Was heute nicht geht, kann in zwei Jahren anders aussehen. Wer die Entwicklung verfolgt, ist besser vorbereitet.
Fazit
Wir testen KI im Baubereich permanent. Nicht weil es heute produktiv einsetzbar wäre, sondern weil wir wissen wollen, wann es soweit ist. Stand März 2026: noch nicht. Aber die Richtung stimmt, und wer heute seine Daten in Ordnung bringt — saubere BIM-Modelle, gepflegte Attribute, standardisierte Workflows — wird als Erster profitieren, wenn es soweit ist.
Bis dahin bleibt der Architekt am Steuer. Und das ist wahrscheinlich auch gut so.